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Es begann ganz harmlos mit einem Beitrag von Somof99, der, wie viele von uns, den großen Pink Floyd - Artikel in der Zeitschrift "Musikexpress" vom Februar 2002 gelesen hatte, und, nachdem er seinen Schock über die provokanten Zeilen des Redakteurs überwunden hatte, weitere Meinungen suchte.

Schnell ist die Jugend mit dem Wort - und das Alter anscheinend auch, denn ich hatte meinen toleranten Tag oder sowas und fand verständnissinnige Worte für die hämische Zunge des me-Autors. Damit brachte ich unerwartet hohe Emotionen zum Überschäumen und es entstand eine ganze Kette von engagierten Briefen, die hier abgelegt sind.

 


von Somof99 am 23.Jan.2002 18:26 

In der Februarausgabe der Zeitschrift MusicExpress ist ein Special über die Geschichte von Pink Floyd drin. Hab mich teilweise ein wenig aufgeregt. Vor allem darüber wie der Autor The Wall niedergemacht hat. 

Wenn jemand anders den Artikel auch gelesen hat kann er/sie ja mal posten was er/sie drüber denkt.

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von Franziskus am 23.Jan.2002 21:11

Wenn man sieht, daß es neben vielen gemäßigten Fans auch sehr polarisierte Fronten von Watersanhängern (wer braucht den Dicken?) und Gilmouranhängern (Gut daß der Psychopath weg ist) gibt, ist alles eine Sache der Perspektive.
Daß jemand, der eher anti-Waters eingestellt ist, die Bandgeschichte so sieht, kann ich schon nachvollziehen.
Immerhin ist es besser, eine ehrliche Meinung zu lesen, als einen politisch korrekten, durchgestylten, es allen-rechtmachen-wollenden Aufsatz.

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von Somof99 am 23.Jan.2002 23:36  

Ich gehöre zu denen, die kein Bandmitglied favorisieren, sondern nur Pink Floyd vor Augen haben. Und auch wenn jeder einzelnd nicht die Genialität der Gruppe erreicht hör ich doch auch die Soloprojekte unheimlich gerne.

ABER
Ich kann jemanden nicht verstehen, der ein Album wie The Wall so darstellen kann. Es war vielleicht der Todesstoß für die Gruppe, aber rein musikalisch gesehen ist es genial. Das ist natürlich subjektiv, aber ich halte The Wall noch immer für das beste Konzeptalbum überhaupt. 

Ich hab den Artikel übrigens eher so gelesen, dass es doch ganz toll für den Autor ist, wenn er eines der erfolgreichsten Alben der Floyd ziemlich abwertet. Das macht die Sache doch erst interessant und löst Emotionen aus. Ob das was mit einer ehrlichen Darstellung zu tun hat ist eine andere Frage.

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von mario am 25.Jan.2002 20:11 

Ich wiederum gehöre ganz klar zu den Waters-Anhängern. Ich habe mich auch über den Artikel und im Speziellen über den Wall- und ganz besonders über den Final Cut Verriß geärgert. Final Cut ist für mich der Wall fast ebenbürtig. Ich wußte erst nicht, warum er so schreibt, weil selbst wenn man Waters nicht mag, bleiben die Platten mindestens gut. Zumindest musikalisch. Aber Somof99 hat absolut recht. Die Wall zu loben ist leicht und tausendfach geschehen, sie zu verreißen provoziert. Und das hat der Mann wohl vorgehabt und auch erreicht. 

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von Franziskus am 26.Jan.2002 18:27

Ich habe mir den Artikel nochmal durchgelesen und .. finde immer noch keinen Grund, mich drüber zu ärgern .
Vielleicht liegt das an meinem Alter (50) und der Einsicht daß man sich über viele Sachen nicht aufregen muß.
Als ehemaliger Satiremacher habe ich vielleicht auch ein gewohnteres Verhältnis zu provokativen Aussagen. Daß der Autor Roger Waters nicht mag, ist eindeutig und ich habe schon zu Anfang in der newsgroup geschrieben, daß es einigen Leuten nicht gefallen wird. Natürlich ist der Artikel nicht objektiv, aber genau das finde ich ok. Es gibt genügend Lobeshymnen - also kann man auch mal eine Gegenmeinung vertragen. Ich denke auch nicht, daß er das besonders boshaft gemeint hat. Manche Leute mögen "The Wall" einfach nicht. Einer meiner besten (gleichaltrigen) Freunde, der von Anfang an mit Floyd aufgewachsen ist und genauso gern hörte, ist ab "The Wall" ausgestiegen, spätestens, nachdem er den Film sah und meinte er hätte auch seine Probleme, aber leider nicht die Möglichkeit, sie geldbringend zu vertonen.
Ich kann diese Meinung akzeptieren. 
Und: ich mag TW durchaus, aber daß der Stoff übertrieben melodramatisch ist, will ich auch als Fan nicht abstreiten. Bei KAOS gibt es IMHO sogar noch eine Steigerung und wenn man nicht anderweitige Sympathien und Vorlieben hat, kann einen so eine schnulzige "armer behinderter Junge aus Wales" Story echt abschrecken.

Aus "Fan"-sicht ist man vielleicht auch nicht immer objektiv, hmm!?

Franziskus

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von Somof99 am 26.Jan.2002 18:41  

Also ich kann mich der Meinung, dass TW übertrieben ist, nicht voll anschließen. Ich kann da natürlich nur für mich sprechen, aber Another Brick In The Wall part1 ist ein Song, der mich berührt und bewegt hat, wie kaum ein anderer. Allein die Vorstellung, ohne Vater aufzuwachsen, macht mich fertig. Und mit diesem Stück bringt Waters dieses Gefühl wirklich perfekt rüber.

Und das als übertrieben zu bezeichnen, finde ich etwas zu sarkastisch.

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von Franziskus am 26.Jan.2002 22:46 (vorlesen) 

Vorab: wir sollten nicht vergessen, daß ich ja generell auf deiner/eurer Seite stehe. Auch ich habe RW-Karten in der Schublade liegen, ich habe extra für TW eine ausführliche Abteilung ausgekoppelt und mir lag sehr viel daran, die Texte von RWs Soloalben einzubringen.
Das hält mich aber nicht davon ab, Verhältnisse zu relativieren und auch mal kritischer zu betrachten. Wenn jemand RW für einen pathologischen Depri hält, fällt es mir schwer, dagegen zu argumentieren. Ich denke schon, daß der Mann ein bißchen "beknackt" ist, wie wir im Ruhrgebiet zu sagen pflegen. Natürlich kann man gerne darüber streiten, ob in diesem Fall der Wahnsinn zum Genie gehört...

Ich glaube nicht, daß ich zu sarkastisch bin. RW ist jetzt 56 oder so und sollte seinen Gram inzwischen verarbeitet haben. Wenn man permanent auf dieser Tatsache herumreitet ist es entweder krankhaft oder Masche, oder es ist zu einer Manie geworden, mit der man kokettiert. Noch im letzten Jahr gab es ein eigentlich ziemlich vernünftiges Interview mit RW und da sagte er wieder diesen Satz: "Ich habe eine Autonomie entdeckt, die mir zuvor vollkommen fremd war. Wahrscheinlich, weil ich nie einen Vater hatte."
Herrje, natürlich war das blöd für den kleinen Roger, aber ich habe auch einen behinderten Bruder gehabt und meine Mutter starb, als ich 10 war. Steht das irgendwo auf meiner Web-Seite? Müßte ich mich nicht solidarisieren? Nein! Weil man als Kind eben so aufwächst, wie man aufwächst. Man hat (um als "Insider" zu sprechen) ja gar keinen Vergleich, wie es anders gewesen wäre. Man lebt ja in diesem Alter nicht vor sich hin und fragt sich dauernd, was man denn jetzt machen würde, wenn man seinen Vater/seine Mutter noch hätte.
Außer Roger vielleicht.
Meiner Meinung nach wäre es auch falsch und eher negativ, wenn man die künstlerische Leistung RWs auf ein Kindheitstrauma reduzieren würde. Natürlich kann der was, hat geniale Ideen und schreibt herrlich bissige Texte. Das würde man auch anerkennen, ohne daß er dauernd was von seiner tragischen Kindheit erzählen müßte.

just my two cents 
(und wie ich woanders schon schrieb: natürlich würde ich nie versuchen, jemandes Vorstellung bei der Musik von PF zu verändern. Ich habe ja selbst auch meine Phantasien zu den einzelnen Stücken. Nur gings ja hier ursprünglich darum, daß man akzeptieren muß, daß es durchaus andere -manchmal gegensätzliche Ansichten gibt)

Franziskus

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von Somof99 am 27.Jan.2002 02:44 

Dann einigen wir uns in diesem Fall ganz salomonisch, dass wir uns nicht einig sind sondern konträre Positionen vertreten. 

Vielleicht macht das ja auch Pink Floyd aus, dass jeder sich seinen eigenen Teil zu den Songs denkt

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 von Franziskus am 27.Jan.2002 18:56 

Ja klar, und auch zu den Personen.
Wär' ja blöd, wenn wir die Kritik von Gleichschaltung (Schülerszenen, Masken in The Wall) bejubeln und gleichzeitig hier eine einheitlich marschierenden Gruppe aufbauen würden 


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von mario am 27.Jan.2002 19:20 
(bezieht sich auf den langen "Franziskus-Brief") 

Einspruch, Eurer Ehren. Waters ist kein „pathologischer Depri“. Waters ist Künstler und das mehr als er Musiker ist. Nenne mir einen populären Musiker, der vergleichbare Texte schreibt, vergleichbare Konzepte vorlegt und ähnlichen Erfolg damit hat. Und dabei glaube ich nicht, dass er nur Erfolg hat weil er Pink Floyd war oder mal dazugehört hat. Die Watersche Depression ist ein Kindheitstrauma. Die Verarbeitung ist legitim und wir haben ihm alle jahrelang, gerne dabei zugehört. Diesen Seelenstriptease in so eine Form zu packen war ein großes Wagnis und hat trotzdem funktioniert. Die Wall wird nach über 20 Jahren abgewertet weil man sich vielleicht daran satt gehört hat und doch ist es nur eine Momentaufnahme. So hat der Mann damals gefühlt und hat alle daran teilhaben lassen. Das Problem vieler vermeintlich „großer“ Platten ist doch, daß die Zeit, die Sichtweise, der Lifestyle sich ändert und auch ändern kann, aber was 1979 in Vinyl gepreßt wurde bleibt wie es war.
Als Waters seinen pazifistischen Schrei endlich losgeworden war, fängt die „Eiserne Lady“ (die er ohnehin sehr mochte) den Falklandkrieg an. Er erkennt, dass sein Thema noch nicht abgeschlossen ist und macht „The Final Cut“. Vertausche die Namen der erwähnten Politiker und du hast DIE Antikriegsplatte. Zeitlos. 
Und „Herrje, natürlich war das blöd für den kleinen Roger“, ist nicht ok. Das ist sein Trauma, seine Vergangenheit und es wird nicht besser sich am Unglück anderer zu messen.

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von Franziskus am 27.Jan.2002 19:59 

Hilfe!
Warum habe ich nur diesen doofen ME-Schreiber in Schutz genommen . (There must have been a door there in the wall, when I came in...)

Der "pathologischen Depri" ist natürlich eine (wenn du meine Community-Sprache besser kennen würdest: normale) Überzeichnung und ich habe RW in einem späteren Satz die gleichen genialen Leistungen zugewiesen, die du hier ansprichst.
Was die Anti-Kriegs-Aussagen in The Wall, in Final Cut, in KAOS und "Amused" betrifft, stimmen wir völlig überein. Dafür verzeihe ich ihm sogar das schwache Konzept von KAOS und hör´s mir gerne an. Ehrlich.

"Nur" bei der Bewertung des Traumas werden wir wohl unterschiedliche Sichtweisen habe. 
Der Aspekt gehört aber nicht zu RW sondern zu Gesamtfloyd. Es war in meinen Augen immer schon ein etwas schizophrenes Verhältnis, daß eine Band mit kritischen Texten zur Plattenindustrie derselben die größten Umsätze beschert.

Oder mache ich jetzt einen neuen, kochenden Topf auf???

Franziskus

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von Somof99 am 28.Jan.2002 18:01 

Roger Waters war ja als überzeugter Marxist auch in einer tiefen Sinnkrise (glaube das hat der Autor auch in dem Artikel erwähnt) als Pink Floyd solche großen Erfolge hatte. Aber erstens kann man keinem Musiker vorwerfen, dass er erfolgreich ist und zweitens kann ich mich erinnern, in mehreren Pink Floyd - Biographien gelesen zu haben, dass Roger Waters von seinem Geld viele alte Mietshäuser in London kaufte, um sie billig an Arme zu vermieten und selbst mit seiner Frau (die einen guten "marxistischen" Einfluß auf ihn hatte) in einem genügsamen Wohnung lebte. Also finde ich, dass er sich seine Unschuld in dem Punkt lange bewahrt hat. Dass er auch irgendwann in der von den Floyd besungenen "machine" zu einem Kapitalisten wurde, ist meiner Meinung unvermeidlich gewesen.

In dem Sinne
Es lebe Karl Marx 

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von Franziskus am 28.Jan.2002 22:05  

Ok, Einspruch stattgegeben: ich nehme die Verbindung "Der Aspekt gehört aber nicht zu RW sondern zu Gesamtfloyd" zurück. Wir verstehen uns aber auch ein bißchen miß, denke ich.
Die Bemerkung über das "Geld mit der Plattenindustriekritik verdienen" war ganz pauschal auf die Gruppe gemünzt. Und ich wollte auch nicht Kritik daran im Sinne von "Schelte" üben. Was wären wir ohne DSOTM, WYWH und Animals?
Ich bedaure einmal mehr, daß wir hier in relativ kleinem Kreise so polarisiert diskutieren - es gibt da sicher ganz viele Zwischentöne.
Ich versuche mal, auszudrücken, was ich meine (und ich bin ja nicht der unfehlbare Papst, der neue Dogmen schaffen will!) Bitte steinigt mich nicht - ich mag PF genauso gern wie ihr:

Bei vielen Themen der Pink Floyd - Songs habe ich ein ambivalentes Gefühl zu den Texten. Einerseits ist die Aussage ja durchaus richtig, andererseits wird sie aber sofort widerlegt. Das ist schon fast rekursiv. 
So gibt es den "Money"-Song, der mehr oder weniger als Spottgedicht auf Reichtum und Mammon verstanden werden kann, aber Mittelpunkt einer (ich sachs jetzt mal provozierend salopp) "dumm-und-dämlich-verdien"-Scheibe ist.
Da gibt es geradezu gehässige Texte gegen die Plattenindustrie auf WYWH, mit der gleichzeitig die Verträge ebendieser erfüllt werden.
Es gibt "The Wall" mit u.a. der Aussage, daß sich große Massen leicht maniplieren lassen und dies einen Konflikt bei den Musikern hervorruft - und gleichzeitig gigantische Publikumsansammlungen zu dieser Show, damals und in Berlin.
Nicht zuletzt "High Hopes" wo der steile Aufstieg der Gruppe insgeheim bedauert wird - und damit ein (verkaufsmäßiges) Comeback hervorruft.

Letzteres Beispiel gehört zu meinen "Favourite songs" und zeigt, daß ich hier kein eifernder Prediger sein will. Es fällt nur auf, daß PF oftmals geradezu paradoxe Lyrics macht. Irritierend, aber .. ok. Es funktioniert Die Welt IST seltsam.

Zu RW: ich habs auch (bei Schaffner) gelesen, daß Roger seit frühen Zeiten recht sozial eingestellt ist und entsprechend gelebt hat. Auch Gilmour hat im Prinzip die "Money" - Aussage in Taten gefaßt, indem er letztens über sein Verhältnis zum Geld erzählte (auch wenn die "Süddeutsche" das sehr salopp formuliert hat).

Ich denke, es gehört zum grundsätzlichen Wesen "unserer" Lieblingsgruppe, daß die Mitglieder *glaubwürdig* sind. Und daß sie diese Glaubwürdigkeit durchaus auch in ihren Song-Aussagen weiterleben.
*Natürlich* hat es ihnen damals gestunken, daß die Plattenbosse sie die ganze "Maschinerie" der schnellen Mark durchlaufen lassen wollten. Natürlich hat Roger sich wirklich Gedanken über sein rasendes - ja, auch lästiges - Publikum gemacht und seine Rolle dabei, und ich glaube auch David Gilmour, daß er angesichts des Endes von Pink Floyd Sehnsucht nach der einfachen Welt in Cambridge hat, als man einfach nur klampfende Kumpel am Lagerfeuer war!

Was wir hier machen, ist quasi Philosophie oder Tamura-lesen oder Evangelien interpretieren 

Why not?

Franziskus


+++

von Hartmut am 4.Feb.2002 16:53 (an Somof99) 

Das ist aber neu!



 

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